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Die Dajak Stämme von West-Kalimantan vereinen sich

Die Dajak Stämme von West-Kalimantan vereinen sich

(Hier der Blog als pdf Dokument: Zusammenschluss.pdf)

4. Juli 2010

Es ist Sonntagnachmittag und wir, Pater Jacques, Pramoedya und ich haben es sicher nach Sintang geschafft – obwohl es nicht ohne Hindernisse ging, aber mehr dazu später – um Richard, Simon und Robin zu treffen, die mit der Cessna in Sintang landeten und Hardi und Dudung, die Sintang Freitag Nacht über die Straße erreichten. Lass mich euch also auf den neuesten Stand bringen, über einige erstaunliche Ereignisse, die sich gestern in Putussibau ereignet haben. Die Unterzeichnung des Dokumentes, einige öffentliche Todesdrohungen, die an mich gerichtet waren, und die Abenteuer während der Reise auf dem Fluss und der Straße vom Samstag bis hinein in die dunklen Morgen-Stunden des Sonntags.
 
Zurück also zum Zeitpunkt, als es 08:00 Uhr schlug am Samstagmorgen und jeder vom Frühstück in den großen Raum mit dem Projektor zurückkam. Yosep Lejo zeigt eine Liste mit 8 Erklärungen, die das kleine Team während der Nacht vorbereitet hat. Es gibt so vieles, was ich ihnen sagen möchte, damit sie sich verbessern und die Dinge anders machen, aber ich beiße mir auf die Lippen und folge Pater Jacques Rat und lasse das Ganze seinen natürlichen Lauf nehmen. Und es geht sehr schnell…
 
Noch mehr erhitzte Kommentare! Die eine Person vom Gartenbauamt, die versuchte die Erklärungen niederzumachen wurde von einem ganzen Chor ausgebuht. Eine andere Person, die sie sollten noch einmal, sogar nach 12 Jahren des Kampfes, zum neuen Bupati gehen, der vielleicht besser ist als der Letzte, wurde genauso behandelt. Nein, es gibt keinen Weg zurück; hier herrschen ein Kampfgeist und eine Einigkeit, wie ich es in meinen 31 Jahren hier in Indonesien noch nie erlebt habe. Ihre Flüsse sind jetzt gerade voll mit dem Dreck der neuen Straße, die ihr Land durchschneidet! Ihre angestammten Wälder sind bereits geschändet! Diese Eindringlinge haben es bereits schwerer gemacht zu fischen. Haben die Stämme nicht schon genug Probleme mit all diesen Krankheiten, die sie nie zuvor hatten, mit den Flüssen, die austrocknen nach nur 3 Tagen ohne Wasser, all die Überschwemmungen? Es ist genug! Kein weiterer Bedarf zu reden! Wir werden eine massive Demonstration organisieren und der Regierung unser letztes Ultimatum überbringen!
 
Dann folgte eine erstaunliche Anzahl von Reden. Der Frieden der letzten Nacht wurde bestätigt. Die Menschen von Nanga Pinoh erklärten, wie sie die Anerkennung einiger ihrer Landrechte gewonnen hatten, als sie mit den Ölpalmen konfrontiert wurden. Zusätzlicher Missbrauch wurde berichtet. Dieses Mal rückten die Frauen, die bisher nicht viel gesprochen hatten, mit der Sprache heraus. Wo sind die Affen, die wir immer in den Bäumen entlang unserer Flüsse gesehen hatten? Warum müssen unsere Kinder krank werden? Tränen, viele Tränen…
 
Die Diskussion über das endgültige Dokument ging weiter. Einer nach dem anderen wurden die Artikel zunächst immer länger mit mehr an Information die hineingeschrieben wurde, mehr Details kamen dazu, und dann fingen sie an die Sätze zu kürzen um ihnen mehr Gewicht zu geben und strichen einige der weniger wichtigen Artikel wieder heraus. Schließlich, nach vielen emotionalen Diskussionen einigten sie sich auf ein einfaches Dokument mit 4 grundsätzlichen Forderungen oder Bemerkungen. Es war sehr gut. Ich realisierte, wie wichtig es war, dass ich nichts vorschlug! Diese Menschen haben es großartig alleine gemacht! Diese 12 Stämme taten, vielleicht ohne sich der Bedeutung bewusst zu sein, etwas unglaublich Historisches. Sie haben buchstäblich, unabhängig von äußeren Einflüssen, eine Kriegserklärung gegen das, was die korrupten Außenstehenden machten, abgegeben, um ihre traditionelle Lebensweise zu erhalten. Sie wissen, dass ihre Heimat, der Wald, ihre Lebensweise heute, auf unzähligen erlernten Überlebenstechniken fußt, und dass die Zukunft der kommenden sieben Generationen auf dem Spiel steht…
 
So, was haben sie denn nun entschieden? Lasst mich euch weiter unten zum Ende dieses schnell geschriebenen Textes eine wörtliche Übersetzung des unterzeichneten Dokumentes liefern, und euch zuerst davon erzählen, was passiert ist, nachdem die Versammlung die 4 Punkte beschlossen hat.
 
Ein kleines Team wurde ausgeschickt, um die Worte in korrektes Indonesisch zu übertragen und die Kopien für die anführenden Stämme der Mendalam und Kapuas Dalam Wassergebiete, für den Bupati und das lokale Parlament zu machen. In der Zwischenzeit wurde ich eingeladen, über die Wieder-aufforstung zu sprechen und ich erzählte ihnen die Geschichte von Samboja Lestari [siehe auch Willie’s 20 Minuten TED talk auf youtube „How we re-grew a rainforest“, Anm.]. Ich erzählte ihnen von Uce, dem ersten Orang-Utan, dem ich jemals begegnet bin und wie dies mein Leben verändert hat. Und wie sie nun mit ihren Babies in Freiheit lebt. Und warum beide, Orang-Utans und Menschen Seite an Seite leben sollten und sich gegenseitig brauchen. Ich sprach noch mehr über meine patentierte Dorffabrik und wie in einem Null-Abfall-System der Zuckersaft der Zuckerpalmen so viele Vorteile für die lokale Bevölkerung bringen kann. Ich zeigte, wie das Inmarsat-Terminal, das ich gottseidank von ihnen [Inmarsat, Anm.] für meine Arbeit gesponsert bekam, dazu verwendet wird, mit den Menschen rund um den Globus zu reden. Ich kontaktierte die erste Person, die ich über Skype erreichte. Es stellte sich heraus, dass es Bas Broertjes in Amsterdam war, der ein halbes Jahr mit mir verbracht hat und wie ein weiterer Sohn meiner Familie ist. Als er auf den „Antwort mit Video“ Knopf drückte, trug er kein Hemd während er auf dem Schirm vor der Dajak-Versammlung auftauchte, was zu großem Gelächter führte. Als ich Bas mit der kleinen Kamera all die Dajak in dem großen Raum vor mir zeigte, die auf ihn sahen, zog er ganz schnell ein Hemd an, was die Gruppe zum Schreien komisch fand und noch mehr lachte!
 
Nachdem ich eine intensive Vorlesung von siebeneinhalb Stunden beendet hatte, über die Umwelt, Zuckerpalmen, Orang-Utans, Wiederaufforstung, organische Landwirtschaft, Überwachen und Kartieren, traditionelle Rechte und eine Menge verwandter Themen, kamen die Fragen. Menschen, die in Tomohon als Teil der Gruppe waren, die der Bischof vor fünf Jahren ausgesandt hat, standen auf und erklärten, dass sie Hunderte von Hektar Land anbieten und ob ich ihnen bitte die Zuckerpalmen-Samen mit der guten Qualität schicken könnte. Andere berichteten, dass sie in Samboja Lestari waren und dass die erstaunliche Geschichte war sei, dass es gemacht werden kann. Menschen aus Nanga Pinoh sagten, sie hätten so viel Alang-Alang Grasland und ob ich nicht auch ein Nanga Pinoh Lestari Projekt machen möchte. Temenggung (großer traditioneller Führer) Benjamin sagte, dass es bei seinem Dorf diesen großen Hügel gibt, der von einer Holzfirma entwaldet wurde, die ihr Land nahm, aber von ihnen rausgeworfen wurde. Dieser Hügel braucht Wald und vielleicht mag ich hingehen, ihn ansehen und bepflanzen?
 
All diese positiven Dinge haben sich ereignet. Menschen fragten, ob ich eine Fabrik für Zucker-palmsaft aufbauen könnte, da zehntausende von Zuckerpalmen bereits in ihren Gärten wachsen. Ich erwiderte, dass ich die Zuckerpalmen erst sehen muss und dass ich direkt nach dem Treffen losgehen würde. Dass ich vielleicht im nächsten Jahr dazu in der Lage bin, wenn meine Mini-Fabriken funktionieren. Leute fragten nach Hilfe ihre Waldprodukte zu vermarkten, wie es den Honigsammlern von Danau Sentarum gelungen ist. Vielleicht dachten die Stämme, dass mit der neuen Technologie alles sehr einfach wird. Aber ich konnte ihnen nicht viel versprechen. Aber ich werde ihnen Samen bringen und ein Bespiel für Wiederaufforstung und eine Dorffabrik könnten nächstes Jahr möglich sein. Ich werde versuchen, Sponsoren dafür zu finden.
 
Dann sagten die Stämme, dass sie einen großen jungfräulichen Wald haben, der komplett isoliert ist, wo man die Orang-Utans freilassen könnte. Ich habe es sofort mit Google Earth nachgeschaut. Wow, ein jungfräulicher Wald, wie eine grüne Insel, aber nahe am Wald des Nationalparks und beschützt durch die Stämme… Ich dachte bereits an einen Waldkorridor, in sagen wir 30 Jahren, wenn alles gut geht… Mein Herz begann zu pochen… Was für ein Strom an positiven Ideen und Einstellungen. Die Dajak verstanden sehr gut, was ich ihnen zeigte, wie man die Bäume mit den Früchten mischt, warum ein Avocadobaum neben einem Limettenbaum, das Blühen und Fruchten des Limettenbaums verhindert, und wie man genug Baumaterial zur Verfügung hat, ohne den Wald zu zerstören. Aber dann stand ein großer, junger Iban-Krieger namens Nelson auf und begann wütend eine Schimpftirade. DU! Du bist auch nur wieder einer von diesen Lügnern! Du und deine Patente, ihr seid wie die VOC! Ihr wollt uns kontrollieren! Wir brauchen deine Sorte und deine Lügen hier nicht! Wenn du es wagst uns mit Lügen zu kommen, werde ich dich töten, wenn du mich nicht zuerst tötest. Wir glauben nur, was wir mit unseren eigenen Augen sehen!
 
Es schmerzte... Aber ich habe Haltung bewahrt. Es war eine tödliche Stille und ich konnte den Schock und die Enttäuschung in den Augen der meisten Dajak, die hier saßen, sehen. Ich fing an zu erklären, dass ich mit einer Stammeskönigin aus Nord-Sulawesi verheiratet bin, die eine sehr ähnliche Kultur hat wie die der Dajak. Und dass ich sehr hart daran gearbeitet habe, ihre Sprache und ihr traditionelles Wissen zu erhalten. Ich erzählte ihnen, dass mein zweiter Sohn die Tochter des Häuptlings der Dajak-Stämme in Ost-Kalimantan geheiratet hat, die Tochter von Prof. Dr. Adri Patton, und dass ich 1980 sechs Monate lang im Wald mit einer Gruppe von Kenyah Dajak gelebt habe. Und dass ich so viel von den Dajak gelernt habe, sie respektiere und liebe. Ich sagte ihm, dass er nach Tomohon kommen und selbst sehen und hören kann, was die Bauern, denen ich geholfen habe, zu sagen haben. Ich erzählte Nelson, dass diese Wälder und frühere Projekte wirklich dort besucht und besichtigt werden können. Dass er auf die Bäume klettern kann und sehen kann, wie viel Zuckersaft diese Zuckerpalmen produzieren! Deswegen rede mit mir nicht über so einen Scheiß wie Mord und überprüfe die Fakten!
 
Dann standen etliche der Führer nacheinander auf und stellten sich auf meine Seite. Als wir die Session abschlossen und ein letztes Foto machten mit den verbliebenen Leuten, kam Nelson zu mir. Es tut mir leid, sagte er. Weißt du, ich bin wie eine Durian, hart und stachelig außen, aber innen kann ich weich und süß sein. Ich denke, ich kann dein Freund sein. Ich möchte mit dir arbeiten. Klingt unmöglich? Ich habe das schon vorher erlebt… Ich erinnere mich an pak Toraud, einen Typ von einer Organisation in Zentral-Kalimantan, der nicht wollte, dass ich dort mit Nyaru Menteng und dem Mawas-Projekt beginne. Genau wie hier war ich ein weißer, kolonialer Eindringling. Toraud schickte mir Todesdrohungen, rief sogar die holländische Botschaft an, um ihnen zu sagen, dass sie Willie Smits den Dajak ausliefern sollten oder es rollen Köpfe. Alles ordentlich aufgenommen auf dem Audiosystem der Botschaft. Die Botschaft rief mich besorgt an, um herauszufinden was passiert war. Und als ich dann zum Kuala Kapuas Treffen ging mit dem streitsüchtigen Bupati, der die Ölpalmen meinen Ideen zum Erhalt des Mawas-Torfmoorwaldes vorzog, saß ich neben diesem Typ! Als ich das Programm vortrug und die Unterstützung die ich von der niederländischen Regierung bekam, was später durch BOS, Wetlands International und WWF ausgeführt wurde, fragte er mich einfach „Kann ich für dich arbeiten pak Willie!!!!?“
 
Wie auch immer, Nelson umarmte mich und bestand darauf, mich auf dem Gruppenbild zu halten. Dann kam Benjamin Satar, der große Führer, der Temenggung, zu mir und umarmte mich fest. Danke, danke, danke, war alles was er sagte. Nachdem er losgelassen hatte und sich umdrehte, kam er zurück und umarmte mich noch einmal mit Tränen in seinen Augen, wieder danke, danke. Und wieder ging er weg, drehte sich um und umarmte mich ein drittes Mal. Er zog meinen Kopf zu sich herunter und flüsterte in mein Ohr „bitte komm zurück, mein Volk wird helfen, hilf uns…“ Dann war er gegangen. Viele der Dajak fragten nach einem Foto mit mir und Pater Jacques. Viele dankten Pater Jacques, dass er mich gebracht hatte. Es fühlte sich so gut an, ich habe mich wirklich in diese wundervollen Krieger verliebt. Ich werde zurückkommen und ihnen helfen, schwor ich mir selbst.
 
Dann gab es viele Goodbyes und sogar ungewöhnliche Küsse für mich von den weiblichen Führern. Ich machte Fotos als das finale Dokument unterzeichnet wurde und dann war die Menge schnell gegangen. So, hier ist es, das was das Dokument schließlich beinhaltete.
 
Übereinkunft zur Vorgehensweise der Stämme der Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebiete über den PT Toras Banua Sukses Konflikt
Auf der Grundlage des Treffens von Repräsentanten der Stämme der Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebiete am 2-3 Juli, 2010 in Putussibau, wurden folgende Aktionen beschlossen:
1. Wir verweigern und stoppen jede Art von Aktivität der PT Toras Banua Sukses, einer Firma, die bereits Umwelt zerstört hat und dies weiter tun wird, während sie die Stammesrechte der Stämme der Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebiete stielt.
2. Wir, die traditionellen Völker der Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebiete, wie auch andere Stämme vom großen Kapuas Hulu Bezirk, werden bei den Büros des Bupati (Distriktchefs) und dem lokalen Parlament des Kapuas Hulu Bezirks demonstrieren, um zu fordern, dass die Regierung die Genehmigungen zurückzieht, die sie der PT Toras Banua Sukses für die Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebiete gegeben hat und wir widersetzen uns den Aktivitäten jeder Firma, die es wagt die Wälder der Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebiete zu stören. Unsere Aktion wird nicht aufhören, bis die operationelle Genehmigung der Firma zurückgezogen wurde.
3. Wir fordern, dass PT Toras Banua Sukses für den angerichteten Schaden bezahlt und zusätzlich bezahlt für die Zerstörung und den Schaden an den Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebieten. (Bemerkung: sie hatten sehr lange diskutiert, was traditionellerweise diese zusätzliche Entschädigung sein könnte, wie viele Eier, Schweine etc., haben dann aber beschlossen, dies auf später zu verschieben...)
4. Wir werden diesen Juli eine traditionelle Zeremonie abhalten, mit allen Stämmen der Mendalam und Kapuas Dalam Wassereinzugsgebieten, um zu entscheiden, wo die traditionellen Grenzen unserer Waldgebiete sind und um zu erklären, was die Bestrafung der Stämme sein wird für jeden, der unsere Wälder betritt oder die Umwelt beschädigt und wir werden dies der Welt mitteilen. (Bemerkung: in einer früheren Version hieß es, sie werden kämpfen, in einer späteren wir werden den traditionellen Weg gehen… Am 8.Juli haben sie das hier angekündigte Treffen abgehalten)
Dies ist die wahrhaftige Entscheidung der Repräsentanten der Mendalam und Kapuas Dalam Stämme, die von den Repräsentanten und traditionellen Führern wie in diesem Dokument aufgeführt, unterzeichnet wurde.
 
 
Dann folgte eine lange Liste mit Unterschriften... Kein offizielles Essen oder eine große Zeremonie oder Applaus. Sie haben nur zusammengepackt, sagten Auf Wiedersehen zu Freunden und sind einfach am Tisch mit den vier Kopien des Dokumentes vorbeigelaufen und einer nach dem anderen hat feierlich und still unterschrieben. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern war manchmal geprägt von Furcht aber Entschlossenheit, manchmal mit Sorgen und Erleichterung zur selben Zeit. Es ist schwierig in den Gesichtern der Stämme zu lesen. Es war aber nicht schwierig, die vielen starken Umarmungen zu bekommen, die mir diese hitzköpfigen Dajak gaben. Nelson wollte sich auch beim Priester entschuldigen, der der Zusammenkunft geholfen hatte und bei Pater Jacques.
 
Ein schneller Happen zu Essen und nun los zum Hafen. Pater Gun hatte zwei Boote besorgt und Pater Jacques, Pramoedya und ich selbst, begleitet von pak Basah, Pastor Jon und pak Victor sowie Ribai fuhren schnell über den Kapuas-Fluss zum Stammland der Mendalam. Und ich bin verblüfft! Wo immer wir entlang dem Fluss hinschauen gibt es Zuckerpalmen!!! Und nur so wenige werden genutzt, da es so viel Palmwein gibt, den die Leute trinken können. Und pak Basah erzählt mir, dass die Leute nicht viel Palmzucker gewinnen, weil es so arbeitsintensiv ist viel Holz verbraucht, der Preis ist gering wie auch die Menge, die vermarktet werden kann. Wir sind so weit weg von der großen Stadt Pontianak, dass manche Preise wirklich sehr niedrig sind. Als ich zum Beispiel frage wie viel ein Bambusstab kostet, lachen sie nur und sagen es hat keinen Wert, ich kann mir soviel nehmen wie ich brauche!
 
Ich verfolge unsere Reise auf dem iPhone mit Google Earth und nach ungefähr 45 Minuten Gehopse über die Wellen, erreichen wir das Dorf Padua. Wir gehen eine schlüpfrige Holztreppe hinauf und folgen einem sehr schlammigen Pfad durch einen wunderschönen Wald aus Binuang (Octomeles sumatrana, Datiscaceae) einer Art, die nicht genutzt wird, obwohl sie mit der von mir entwickelten richtigen Behandlung sehr wertvoll ist. Wir erreichen die Außenbezirke des Dorfes. Hier sehen wir die Zuckerpalmen aus Nord-Sulawesi, die von den lokalen Leuten angepflanzt werden und die aus den Samen, die ich ihnen geschickt hatte, gezogen wurden. Nun verstehe ich auch, warum sie immer noch relativ klein sind. Die Begleitbäume, die sie brauchen, wachsen hier nicht. Ich muss zusätzliche Setzlinge produzieren mit der neuen Lieferung von Zuckerpalmsamen, die ich ihnen bald schicken werde und muss das mit einem soliden Training verbinden.
 
Dann gehen wir zum Haus von pak Batok. Pak Batok lebte bis vor 15 Jahren in einem traditionellen Langhaus. Als aber der mäandernde Fluss die Fundamente des Langhauses zerstörte, zogen er und einige andere Einzelpersonen und Familien aus dem Langhaus aus und hierher. Pak Batok ist ein 65 Jahre alter Zuckerzapfer und innerhalb von Sekunden nachdem wir uns auf den Boden gesessen hatten, erschien ein Kessel und pak Batok goss einen ziemlich gelben Palmwein in die Gläser. Es schmeckt nicht schlecht, ist aber nicht so stark wie das was ich aus Tomohon in Nord-Sulawesi gewohnt bin. Er macht ihn auf diese Art mit der Rinde eines lokalen Baumes. Dann kann man ihn länger aufbewahren, erklärt er. Ich versuche Fragen zu stellen, aber pak Basah ist zu enthusiastisch und erklärt weiter die Dinge, zum Beispiel, dass die jüngste Tochter von pak Basok eine Nonne ist. Dann gehen wir zu seinen Zuckerpalmen. Nicht schlecht. Gute Größe, viele lebende Blätter, aber sie schneiden die Blätter ab, um an die männlichen Blütenstiele in den Blattachseln zum Anzapfen zu kommen. Dies verringert die Produktivität. Ich versuche pak Batok und den anderen zu erklären, dass die Blätter die Zuckerfabriken sind und dass man sie nicht abschneiden darf, aber ich bin nicht sicher, ob sie mich wirklich verstanden haben.
 
Dann gehen wir weiter durch’s Dorf bis ans andere Ende. Wir kommen an der Kirche vorbei, in der der erste Dajak-Priester, Pater Deng Ngo, vor 15 Jahren begraben wurde. Er war der erste, der auf Holländisch und Indonesisch über die traditionellen Gesetze der Dajak-Stämme schrieb und die Geschichten ihrer Vorfahren aufschrieb, die nur mündlich von Generation zu Generation weiter-gegeben wurden. Er hat sogar Kommentare zu allen Dingen verfasst, die der berühmte Dr. Nieuwenhuis, der im Jahr 1890 durch ihr Land reiste, falsch verstanden hatte. Pater Jacques hat seine wertvollen Schriften erhalten und sorgte dafür, dass das Royal Institute for the Tropics of The Netherlands sie ins Internet gestellt hat.
 
Padua hat eine wundervolle Holzkirche, nur mit Dajak-Ornamenten [geschmückt], mit Ausnahme des katholischen Kreuzes. Das Grab von Pater Deng Ngo rechts in der Kirche ist ebenso schön. Wir brauchen eine lange Zeit, bis wir am Ende des Dorfes ankommen, da Pastor Jon so viele Leute begrüßt. Er war bis vor zwei Jahren hier Pastor, als ihn der Bischof auf Druck der Regierung zu einer anderen Gemeinde versetzte, weil er den Mendalam-Leuten half, ihre verbliebenen Wälder zu schützen. Wir gehen wieder auf die Speedboote und fahren weiter flussaufwärts wo wir immer häufiger Stromschnellen passieren. Pak Basah kennt jeden Felsen im Fluss und erklärt dem Bootsführer wo er hin muss. Der Wald wird dichter je weiter wir kommen, und ich erinnere mich an meine Flussreisen in den 1980ern, als es nicht ungewöhnlich war, diese gigantischen, überhängenden Bäume zu sehen. Dann halten wir an einer Stelle an, die wie ein zufällig ausgesuchter Platz am Fluss aussieht.
 
Als wir ans Ufer gehen, gibt es dort eine Teak- und Gmelina-Holz-Plantage. Dann bemerken wir einige gekachelte Wände, die auseinanderfallen. Sie sind die letzten Überbleibsel eines Camps und Baumschule einer Holzunternehmung, die einmal diese exotischen Bäume pflanzte. Pak Basah und Victor erzählen stolz, dass sie sie rausgeschmissen haben. Sie kamen nur wegen dem Holz aus dem ursprünglichen Wald und haben ihn mit wertlosen Bäumen ersetzt! Und ihr Wald brannte so leicht und nun ist da nur noch dieser große Hügel ohne Bäume. Dies war der Hügel, von dem der Führer Temenggung Benjamin sprach! Wir gehen den Hügel über einen glatten Pfad hinauf. Nass geschwitzt erreichen wir den Gipfel. Der anstrengende Marsch wird durch einen atemberaubenden Blick über die Berge belohnt, die Teil des Bentain Karimun Nationalparks sind. Sie sind immer noch mit einer Decke aus Dipterocarp-Bäumen bedeckt. Das ist wirklich die letzte Spur des Regenwaldes! Diese Stämme sind so nahe an den Bergen, es ist kein Tieflandregenald mehr übrig! Und die Sinar Mas Palmöl-Company macht sich schon auf den Weg und die Toras Company will ebenso an die letzten Bäume!
Ich schaue mir die Farne an, die auf dem Gipfel des Hügels wachsen und schaue die Baumarten an, die Indikatoren für die Bodentypen sind. Der Hügel ist perfekt! Ein paar tausend Hektar! Das wird groß genug sein, für alle benötigten Jobs und für all die Energie, die die nahen Dörfer in Form von Ethanol aus dem fermentierten Zuckersaft brauchen. Ich kann bereits den Zuckerpalamen-Mischwald hier vor meinem geistigen Auge sehen. Die Sonne geht nun schnell unter und wir müssen wieder den Hügel hinunter schlittern zu den Booten. Auf dem Weg runter zum Fluss bemerke ich viele Tengkawang Bäume. Sie sind die ursprüngliche Quelle des berühmten Tengkawang-Fettes, das oft in Lippenstiften und Kakaobutter verwendet wurde. Dies wäre ein so viel besseres und viel nachhaltigeres Produkt für die vielgesuchten Fettkomponenten, als es das Palmöl ist!
 
Wir halten kurz an, um noch ein paar Karten mehr von einem anderen Dorf zu bekommen. Wir setzen pak Basah bei seinem Dorf in der Nähe der Goldmine ab. Ich muss das nächste Mal, wenn ich herkomme über diese Mine und das Quecksilber reden… Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir wieder Putussibau. Pastor Gun erwartet uns. Wir gehen vorbei an einem völlig abgebrannten Markt und gehen zurück zum Deo Soli Gebäude. Pater Arifin fährt das Auto, aber plötzlich stimmt etwas nicht, wie er steuert. Er hat einen epileptischen Anfall! Pater Gun legt vom Rücksitz aus seine Hand auf die Schulter von Pater Arifin und sagt sehr beherrscht, warum halten wir hier nicht für eine Weile an? „Wo sind wir? Was ist passiert?“ Pater Arifin bemerkt nichts, aber ich ziehe langsam die Handbremse und wir schaffen es, das Auto sanft am Straßenrand anzuhalten. Nach ein paar Minuten ist Pater Arifin wieder ok und wir fahren weiter bis zum katholischen Gebäudekomplex.
 
Etwas Essen, ein bisschen Packen, einige letzte emails und ein bisschen Warten auf das Auto, das wir gemietet haben, während wir mit den Hunden spielen, die auf dem Gelände des Klosters umherwandern. Schließlich kommt das Auto und wir sind bereit abzufahren. Wir sagen Auf Wiedersehen zu den wenigen Personen, die immer noch hier leiben. Ich sitze vorne und Pater Jacques und Pramoedya nehmen jeder einen der Rücksitze wo sie sich hinlegen und ausstrecken können. Und bald zeigt ihr lautes Schnarchen, dass sie mit ihrer Wahl zufrieden sind. Der Fahrer legt Musik ein, die mich verrückt macht. Ich weiß nicht was es ist, aber es geht immerzu bang, bang, bang. Es hält ihn wach sagt er, da er gerade von einer langen Fahrt zurückkommt! Nett! Ich lasse ihm also seine Musik. Die Straße ist völlig leer. Fussballspiel, erklärt der Fahrer. Die ersten zwei Stunden des Sieben-Stunden-Trips sind okay, aber dann werden die Schlaglöcher wirklich zu einem Ärgernis bis wir ein paarmal feststecken und wiederholt das Auto aus sehr tiefen Löchern schieben müssen. Die Palmöl-Trucks mit ihrer schweren Last zerstören die Straße, erklärt der Fahrer.
 
Es geht nun auf Mitternacht zu, und wir haben immer noch einen langen Weg vor uns. Wir sind auf sehr kurvigen Straßen nach Bukit Biru, das heißt blauer Hügel. Viele Trucks fahren vorbei mit Mengen an Holz! Indonesien hat gerade einem zweijährigen Moratorium zum Holzeinschlag zugestimmt! Präsident Susilo Bambang Yudhoyono hat kürzlich einen 1-Milliarde-Dollar-Vertrag in Oslo unterzeichnet! Es scheint, er hat einiges zu tun, um diesen Deal zu halten, diese Leute hier scheinen sich nicht im Mindesten darum zu kümmern!
 
Endlich erreichen wir kurz nach Mitternacht das Dorf Silat, wo wir auf einen Kaffee anhalten. Ich werde allmählich wirklich müde, aber die Geschichten von Pater Jacques beleben mich immer! Er ist auch so völlig wach und energiegeladen wie immer. Er war schon überall. Er erzählt mir, wie er gewöhnlich von Silat 8 Stunden zum nächsten Dorf gewandert ist, um dort der katholischen Gemeinde zu dienen! Und wie seine erste Bootsfahrt auf Borneo, von Pontianak nach Silat auf einem Boot des Sultans von Silat, 88 Stunden dauerte. Wie er mit dem Sultan Haji Grappa reiste und gebeten wurde, Übernacht im Haus des Sultans zu bleiben und mit ihm gut Freund wurde. Später bat ihn der Sultan, da er wusste, dass Pater Jacques gewisse technische Fähigkeiten hatte, den ersten Fernseher in West-Kalimantan anzuschließen. Der Sultan argumentierte, dass er näher an Kuching in Sarawak sei als die großen Städte Pontianak und Putussibau, die den einzigen Fernsehsender aus Malaysia nicht empfangen konnten.
 
Jacques arbeitete mit dem ersten Generator dort, installierte einige elektrische Lampen und stellte einen großen Mast auf der die Länge von zwei kompletten Bambusstangen hatten, auf dessen Spitze er die längste verfügbare Antenne montierte. All das platzierte er auf den höchsten Hügel. Um fünf saß der Sultan in weißen Gewändern auf seinem Kissen vor dem Fernseher. Als der Fernseher angestellt wurde, sah man unter dem Applaus des Sultans und seiner vielen Gäste nur ein weißes Rauschen. Die Sendung fing aber nicht vor sechs Uhr an! Schließlich wies Pater Jacques die Arbeiter an, den Mast mit der langen Antenne, die gefährlich von seinem Ende hing, langsam zu drehen. Und dann, ganz plötzlich, erschein ein Werbespot mit Brisen Waschpulver! Und der Sultan und seine Gäste sahen fern bis Mitternacht als die Sendung in Malaysia beendet wurde und ein sehr glücklicher und erleichterter Pater Jacques konnte schlafen gehen. Der Sultan starb später in Mekka, aber die verbliebenen Sultane vor Ort sind alle immer noch gut Freund mit Pater Jacques.
 
Nach diesen großartigen Geschichten und einigem Kaffee, fuhren wir weiter nach Sintang und schließlich kurz vor drei Uhr morgens erreichten wir Sintang. Einige Probleme mit dem Fahrer, aber wie auch immer, es ist nicht der Rede wert, wir sind schließlich angekommen. Dudung öffnete die Tür. Es war immer noch genug Zeit für Pater Jacques und mich, uns auf die berühmte Terrasse mit Blick auf den Garten zu setzen, als ein starker Regenschauer kam und wir, müde wie wir waren, schnell eine Flasche seines eigenen Palmweins leerten, für den er berühmt ist! Ich versuchte noch einige Anrufe zu machen, war aber so müde. Ich versank bald in einen Zustand der Halbbewusstlosigkeit, mit einem Gefühl als würde ich immer noch im Auto sitzen und durch diese schrecklichen Schlaglöcher fahren.
 
Ein langer Tag. Ein historischer Tag. Ein Tag, der Hoffnung brachte für viele, aber auch Verzweiflung, die nächtlichen Holzdiebe zu sehen. Wie groß diese Insel Borneo doch ist, dass 7 Stunden Fahrt einen kaum weiterbringt auf der Landkarte, wenn man es auf Google Earth anschaut! Wie soll man diesen Archipelago von 17.000 Inseln managen? Die Probleme sind wirklich überwältigend. Ich fühle mich noch immer gut, dass ich mit ansehen durfte, dass die Stämme ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen.
 
Das war Samstag, jetzt zum Sonntagmorgen.
 
Zusammen mit Pater Jacques ging ich auf Inspektionsrunde. Die nötigen Zäune auf der einen Seite waren fast fertig, und das Beste von allem, der große Sozialisierungskäfig ist fast fertig! Darno hat Tag und Nacht gearbeitet und hat einen fantastischen Job gemacht. In zwei Tagen ab heute, wird der Käfig bevölkert sein mit einer Gruppe von sehr glücklichen Jugendlichen! Die Zaunkonstruktion, die benötigt wird, um das Zentrum zu schützen, wird nicht so einfach. Die Kobus-Foundation ist auf Torf und Lagen von Kaolinit-Ton gebaut. Wir müssen Stämme aus speziellem Holz in den Boden schlagen, bis wir auf soliden Grund stoßen, Holz das Jahrhunderte im Schlamm überdauert, sehr in der Art, in der Amsterdam gebaut ist. Oben drauf wird ein starker Fundament-Ring platziert. Dieser aufwendige Prozess macht die Konstruktion der Zäune und der neuen Käfige noch teurer. Aber welch ein Vorteil ist es, dass einfach nach Überqueren der Straße, die Orang-Utans bereits draußen im jungfräulichen Wald sind, gegenüber dem Kobus-Center. Und jeden morgen warten die Youngsters, genau wie auch heute, ungeduldig darauf, von den Babysittern aufgenommen zu werden und zum Spielen in die Bäumen gebracht zu werden. Das Team hier ist immer noch sehr neu und ich werde heute mit ihnen Zeit im Wald verbringen, um ihnen zu zeigen, was die Orang-Utans ihnen mitteilen.
 
Nachdem wir Dutzende von technischen und organisatorischen Dingen besprochen haben, gehen wir zurück zur berühmten Kobus-Terrasse, wo uns ein Frühstück mit vielen Kannen Kaffee erwartet. Pater Jacques dirigiert die Angelegenheiten im Haus auf seine immer heitere Art, obwohl manche Leute sagen, dass die kleine Dwi, Jacques‘ Dajak-Assistentin, die 35 Kilogramm wiegt und weniger als 5 Fuß groß ist, die wirklich treibende Kraft ist. Sie hat Ökonomie studiert und ist ein fantastisches Organisationstalent. Abgesehen von der äußeren Erscheinung und ihrem theatralischen Umgang miteinander, sind sie wirklich ein meisterhaftes Team! Jacques übernimmt es auf seine joviale Art, die Unterstützung für seine Projekte zu bekommen und macht die schwierige Denkarbeit und Dwi kümmert sich um all die klitzekleinen Dinge, damit alles auch wirklich gut läuft. Neben den beiden sind die Kobus-Gästezimmer oben meist bevölkert mit Gästen, die die herzliche Gastfreundschaft dieses besonderen Ortes mitten im Dschungel genießen, wovon das Gästebuch mit vielen Einträgen und Dankeschöns zur Genüge berichtet.
 
Mehr Meetings und Strategiegespräche am Frühstückstisch mit Richard, Hardi, Dudung, Pram, die alle auch zum Frühstück hierher gekommen sind. Dann ist es zeit für den Wald! Die Babies werfen sich fast selbst in unsere Arme und los geht es zum Wald für Momo, Mimi, Luna, Pungki und Pinoh und ihre Träger unter denen auch ich mich befinde. Ich kann sehen wie Pingki, die 13 Jahre lang an einen Baum gekettet war, bis wir sie befreiten, zur Gruppe schaut. Sie möchte auch rausgehen. Aber außer mir und Pater Jacques dringt noch niemand zu ihr durch und ist erfahren genug, um sie mit hinaus in den Wald zu nehmen. Sie ist so viel größer und hat seit ihrer Rettung schon drei Kilogramm zugenommen und wird jeden Tag stärker. Sie bewegt sich im Käfig herum, spielt fast den ganzen Tag und ihr Haar sieht so fantastisch aus. Ich werde mehr Zeit mit ihr verbringen, wenn ich vom Wald zurück bin.
 
Im Wald fängt sofort die wilde Rauferei an. Luna, die ich in den Wald getragen habe ist immer noch die Schwächste und umarmt sich immer noch selbst, aber als ich mit ihr in die Bäume klettere, beginnt sie sich sicherer zu fühlen. Schritt für Schritt lässt sie mich los und beginnt rumzuwandern, versichert sich aber immer, dass sie in meiner Nähe ist, auf den Ästen, sie inspiziert auch einen Termitenbau mit mir. Aber oft sitzt sie einfach alleine da und schaut sich nur um, mit ihren kleinen Ärmchen um sich geschlungen. Aber sie studiert die Bäume und die Blätter. Man kann sehen, dass sie interessiert ist und auf typische Orang-Utan-Art beginnt sie einen Plan zu machen. Sie hat auch 1,5 Kilogramm zugenommen, hier im Sintang Orang-Utan Zentrum. Auf der anderen Seite hustet sie immer noch hin und wieder und hat oft Temperatur. Aber sie hat jetzt Freunde und immerhin klettert sie schon im großen Sozialisierungskäfig bis ganz oben hinauf.
 
Pinoh, die so nah am Tode war als wir sie retteten, geht es wundervoll und sie spielt oft mit Luna. Sie hat sich unheimlich schnell erholt von ihrer schrecklichen Kondition in diesem heißen Käfig im Vorderhof des Amtshauses in Nanga Pinoh. Sie baut nun Nester auf dem Boden hier im Wald. Ihr Haar beginnt auch zu wachsen und vor allem sind ihre Augen wieder klar! Sie glänzen und scheinen und sind wieder voller Interesse und Hoffnung! Pinoh erforscht, spielt, vertraut den Pflegern, ganz besonders Nora, und ist einfach auf ihrem Weg in eine glänzende Rückkehr in die Freiheit.
 
Momo und Mimi sind immer noch Probleme im Doppelpack (Double Trouble). Mimi liebt es aus irgendeinem Grund, sich selbst von den Ästen fallen zu lassen! Es muss wehtun, aber sie macht immer weiter. Sie hat schon so viele Beulen an ihrem Kopf, die zeigen, wie oft sie es macht, dass ich denke, sie ist hyperaktiv oder auf eine andere Art unnormal. Es scheint fast, dass sie sie ganze Zeit auf gefährliche Dinge besteht. Momo geht herum mit seinen sich entwickelnden, kleinen Backenwülsten, die seine Dominanz anzeigen die er innen drinnen fühlt und den Raufbold, der in ihm steckt. Momo war ein Problem, da niemand in unserem Team in Sintang bis jetzt wirklich wusste, wie man mit ihm umgehen sollte. Er ist immer noch ein Kind, das seine Grenzen nicht kennt. Nach dem Trauma ihre Mütter verloren zu haben, oft haben sie mit angesehen, wie sie in Stücke gehackt wurden vor ihren Augen, und zu wissen, dass die Orang-Utans ein unglaubliches visuelles Gedächtnis haben, benötigt es sehr viel Liebe, damit diese furchtbaren Bilder von Menschen in ihren Köpfen mit besseren überschrieben werden. Die meisten der Babies, durch genügend Liebe und Sorge, schaffen diese wunderbare Wandlung.
 
Momo zog also wieder auf eine seiner ungestümen Heldentaten aus, und die anderen Babies wurden eines nach dem anderen bedrängt. Im Wald machen die Babies dasselbe, es ist einfach Teil ihres Lebens, um herauszufinden, wo die Grenzen sind, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Wenn ein Baby seine Mutter zu heftig beißt, während es Milch trinkt, macht die Mutter eine Beißbewegung in seine Richtung und gibt einen speziellen Warnlaut ab. Und manchmal, wenn sie zu fest an zu wenig Haaren ziehen, wird die Mutter dem Baby einen Klaps versetzen und eine spezielle Warnung abgeben, diesen ich-bin-gefährlich/ungehalten/aber-nicht-zu-verärgert Blick. Dieser Blick gräbt sich ein in ihr Gedächtnis. Die Dajak-Mädchen fühlten sich immer noch nicht recht wohl, wie mit dieser Aggression von Momo umzugehen ist, und ich zeigte ihnen ein paar Tricks.
 
Schauen wir auf Momo. Er beißt oft in Mimi’s Lippe und lässt sie stundenlang nicht mehr los! Ich denke, er ist wirklich eifersüchtig oder verärgert mit Mimi. Sie haben mehr als ein Jahr zusammen in einer nassen, dunklen Toilette in einem kleinen Käfig verbracht, ohne dass sie etwas tun konnten. Einzelhaft! Und da war die Beziehung zwischen Momo und Mimi klar. Momo hatte die Kontrolle. Aber nun freundet sich Mimi mit anderen an! Und wenn Momo ihr signalisiert, dann reagiert sie nicht mehr immer. Und dann fängt er wieder mit dem Beißen an. Der beste Weg, um damit zurecht zukommen, ist es eine Gruppe mit einer Matriarchin aufzubauen. Ein weises, altes Weibchen, das über allem steht und das auch wirklich diese Rangeleien stoppt. Aber wir haben hier in Sintang noch keine solche Mutterfigur. Ich wollte den Babysittern also helfen. Und hast du nicht gesehen, bereits nach wenigen Minuten freiem Spiel im Wald, sah Momo wie Mimi mit Pungki spielte, er wurde eifersüchtig und lief auf sie zu…
 
Vor den Augen aller, hat Momo Mimi auf den Boden niedergerungen und ich bat die Babysitter sofort zu kommen und zuzuschauen. Zunächst muss man auf den richtigen Augenblick warten; man muss sie mitten drin erwischen! Als also Momo wieder die kleinere Mimi niederringt auf den Waldboden und anfängt ihr in die Lippe zu beißen, ist der Moment dazwischen zugehen gekommen. Zuerst machte ich den hohen Warnschrei, der universell unter den Orang-Utans ist und den strengen Blick, als Momo seine Augen auf mich richtete. Dann die Jagd, kein wilder Hüpfer, aber eine bestimmte, stetige Annäherung. Jetzt lässt Momo Mimi’s Lippen frei und versucht, indem er sie immer noch festhält, wegzugehen. Aber sie sind zu langsam und ich packe Momo und ziehe ihn weg. Jetzt versucht er zu beißen und ich gebe ihm meine geschlossenen Finger zum Beißen. Lasst mich erst einmal etwas erzählen über das Beißen bei Orang-Utans.
 
Ich habe schon mehrfach über das Beißverhalten geschrieben. Es kann ein Liebesbiss sein, bei dem sie deine Hand fest halten, dann während sie dir direkt in die Augen schauen, steigern sie die Intensität des Bisses; sie erforschen wie du reagierst. Furcht? Kein Vertrauen? Wenn du zu schnell zurückziehst, wenn es noch nicht wirklich wehtut, bist du durchgefallen. Wenn du quiekst, um ihnen zu sagen dass sie dir wehtun und du es mit deinen Augen zeigst, dass du wirklich anfängst Schmerzen zu spüren und traurig bist, dass sie so etwas machen, aber ohne Anzeichen, dass du deine Hand zurückziehen willst, dann werden sie fast immer aufhören. Du hast den Test bestanden. Jetzt für die, die denken „Ich werde das auch versuchen!“ eine Warnung! Macht es zusammen mit jemandem, der Orang-Utans wirklich kennt. Manchmal kann eine Situation mit zu vielen Menschen die Dinge ändern. Manchmal gibt es einen Orang-Utan, der ein sehr großes Trauma hat und ihr mögt ihn an die Person erinnern, die ihn/sie gequält hat. Ihr müsst darauf gefasst sein. Deshalb halten in unserem neuen Yogyakarta Center mein guter Freund Leo Hulsker und ich ein paar spezielle Workshops ab, für Zoopfleger, damit sie die Finessen der Orang-Utan Kommunikation kennen lernen. Dies habe ich schon in der Vergangenheit in Ost-Kalimantan getan für viele Zoopfleger. Im Oktober hoffen wir, dass wir den ersten Kurs für Zoopfleger abhalten können, die sich angemeldet haben. Und dann werden es nicht nur Babies sein, worüber ich heute rede, sondern es sind auch Cheekpadders, Mütter, alle involviert. Es werden zehn spezielle Tage sein, für Menschen die daran interessiert sind, mehr über Orang-Utans zu lernen.
 
Entschuldigt wegen der vielen Abschweifungen, ich schreibe gerade so, wie es mir einfällt, da ich dazwischen so wenig Zeit habe, alles zu notieren, deswegen werden Grammatik, Kontext, Rechtschreibung, alles etwas schlampig sein, aber ich hoffe, die Leser können trotzdem verstehen, was ich euch mitteilen will. Es ist wirklich interessant, wie einige Freunde, die dies lesen, reagieren werden, wenn sie bestimmte Teile lesen, aber andere Leute, so habe ich von Richard gehört, glauben einfach nicht, was sie da lesen… Nun, was soll ich dazu sagen?...
 
Zurück zu Momo. Ich halte ihn fest, am Boden, sitzend. Nicht still auf dem Waldboden, nicht hochgehoben vom Boden. Er muss sich also ergeben, da er nichts hat, woran er sich festhalten kann. Nein, nur sitzend. Ich knie selbst hin und mache mich klein. Ich will ihn jetzt nicht zu sehr überwältigen. So fühlt sich Momo immer noch als ob er die Kontrolle hat. Ich weiß nicht, ob er denkt, er kann mich schlagen, aber ich weiß was kommt. Er wird sich von mir freikämpfen und versuchen, die Hände, die ihn halten, zu beißen. Ich lasse ihn also! Ich beuge einen Finger, drücke ihn fest und lass ihn mich beißen. Versucht es selbst. Beißt in euren lockeren, geraden Finger und dann macht das noch einmal, wenn der Finger fest gekrümmt ist. Wenn ihr ihn krümmt, werden die ledrigen, inneren Teile an den Seiten nach außen abstehen und jeden Biss ab puffern. Das ist ein Trick, und nun noch einer. Momo beginnt fester zu beißen, aber mit meinem freien Daumen schiebe ich die Haut seiner Wange zwischen seine Backenzähne. Je fester er zubeißt, desto mehr tut es ihm selbst weh! Es dauert nicht lange, bis er realisiert, dass dieses Beißen nicht gut ist! Und er gibt auf. Nun ist es Zeit für Phase drei der Lektion.
 
Jetzt halte ich Momo’s Oberarm locker aber immer noch so fest, dass es keinen Weg gibt, wie er meinem Griff entkommen kann. Und dann? Nun, sitz jetzt einfach mal hier für ein paar Minuten! Das ist die Bestrafung. Keine Freiheit. Und Momo, sein Kopf ist ein bisschen gesenkt und er macht diesen traurigen Schmollmund, muss es einfach ertragen? Er schaut herum mit seinem traurigen Blick, schaut hinauf in die Bäume, wie die anderen weiter spielen. Die anderen schauen nur, was ich mache. Sie wissen, ich habe die Grenze zur Grausamkeit nicht überschritten, andernfalls würden sie auf andere Art quieken und mich alle zusammen angreifen. Wie klein sie auch sind, wie ungerecht der Kampf auch wäre, sie stehen einer für den anderen ein! Nun lassen mich diese anderen Babies mit Momo in Ruhe und sie beobachten nur, was auf dem Boden daneben passiert. Und dann… ich lasse ihn einfach gehen! Momo ist zuerst überrascht und klettert dann schnell zurück in die Äste.
 
Nun, normalerweise ist diese eine Lektion genug, aber Momo ist ein taffer Junge... Er stellt Mimi erneut nach! Mimi quiekt, sie weiß, er will wieder Rache dafür, was passiert ist und er wird es an ihr auslassen! Als Momo Mimi erneut niederringt, gehe ich streng durch den Busch nach vorne und halte wieder Momo’s Arm. Nun versteht er es! Er sitzt sofort still hin, schaut traurig und schuldig und wartet ruhig auf den Moment seiner Freilassung. Dieses Mal geht er selbst auf die Äste und fängt an, den Wald zu erforschen. Aber ich traue Momo noch nicht völlig… Ich sage also den Babysittern, dass sie mich rufen sollen, wenn sie später alle in den Sozialisierungskäfig bringen und Momo vermutlich wieder versuchen wird Mimi zu verfolgen. Den Rest des Tages passiert nichts mehr. Aber zwei Tage später…
 
Diesen Morgen, zwei Tage später am Dienstag, stehe ich draußen vor der sehr großen Anlage, die Darno und Simon magischerweise in ein Paradies für Baby Orang-Utans verwandelt haben mit Spielzeugen die in jeder Ecke hängen, mit vielen Ästen und Wegen, mit einem schattigen Teich mit kleinen Steinen dazwischen, die sie herausfischen oder Früchte und noch viel mehr andere Dinge, die Spaß machen. Die Babies fühlen sich sehr sicher und Momo fängt wieder an. Er versucht der Herr über die Anlage zu werden. Als er Mimi nachstellt, und sie festhält, gehe ich sofort in die Anlage und Momo erkennt was passieren wird… Er lässt Mimi sofort frei und kommt zu mir und küsst meine Hand und schaut mir mit seinem „Es tut mir leid“ Blick in die Augen. Ich streichle Momo sanft und lobe ihn. Er hat seine Lektion gelernt! Genau wie die Babysitter auch.
 
Es war ein netter Tag am Sonntag im Wald. Alle zu beobachten. Pungki ist am unabhängigsten, macht Nester, versucht alle möglichen Blätter zu essen, lernt von mir Termiten zu essen, spielt aber auch hin und wieder mit den anderen. Dann ist es Zeit, zurück zum Kobus-Center über die Straße zurück zu gehen. Das tägliche Ritual. Robin, Richard’s Frau, die endlich sehen kann, wo Richard soviel Zeit mit mir in Indonesien verbringt, schafft es aus Versehen komplett in das kalte, teefarbige Sumpfwasser im Graben zu rutschen, das den Wald genau außerhalb des Zauns umgibt. Der schmale Brückensteg liegt normalerweise über dem Wasser. Wir hatten aber ungeheure Mengen an Regen, die herunterkamen und so ist es jetzt nass und rutschig… Viel Zeit vom Sonntag verwende ich, um diesen Bericht/Blog zu schreiben, mit den Erbauern zu sprechen, vor allem mit Darno, der eine Inspiration für alle jeden ist mit seiner harten Arbeit, um mehr Zeit mit Pingki zu verbringen, zu versuchen mit dem Distrikt-Chef und dem Chef des Museums, der den Kindern helfen will die Dokumentationen zum Tierschutz zu machen, Treffen zu organisieren und für die morgige Rettungsaktion Vorbereitungen zu treffen. Dazwischen lese ich auch über Pater Maessen aus verschiedenen Publikationen, die überall in seinem museumsartigen Haus herumliegen, das bis zur Decke und in alle Ecken mit Dajak-Kunstwerken von dankbaren lokalen Einheimischen angefüllt ist. Einige Leute bringen Flaschen mit Palmwein für Pater Jacques. Pater Jacques erklärt, dass er hier auch der Optiker ist, der Brillen an ältere Frauen verteilt, damit sie weben und lesen können, wofür sie zwei Flaschen Palmwein bezahlen müssen. Zwei? Ja, weil wir ja auch zwei Augen haben! Wenn es eine wirklich gute Qualität beim Palmwein darunter gibt, versucht er an das Rezept zu kommen!
 
Am Abend werden wir Zeugen eines der enormen tropischen Regenschauer. Der Klang der Regentropfen auf dem Dach ist enorm! Wir können uns nicht länger mit einander unterhalten. Später auf der Terrasse vor den drei Gästezimmern im Kobus-Center wo wir untergebracht sind, auf dem ersten Stockwerk, öffnet sich die geheime Tür am Schrank, die normalerweise immer geschlossen ist und Pater Jacques holt vorsichtig ein paar spezielle Flaschen Palmwein aus einem versteckten Kühlschrank im Inneren hervor! Es war ein erfüllter Tag, entspannter als sonst, aber mit Liebe und Zeit für die Orang-Utans und für das Team, das sich für die Rettungsaktion am Montag vorbereitet.