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Treffen mit den Dajak-Stämmen

Treffen mit den Dajak-Stämmen


2. Juli 2010

98% Luftfeuchtigkeit – sogar die einheimischen Dajak schwitzen. Die Sonne ist gerade untergegangen, und das Thermometer zeigt drückende 33°C. Es gibt hier absolut keine kühle Brise. Wir sind in Deo Soli („Nur Gott“), der Gemeinde der katholischen Kirche in Putussibau in der indonesischen Provinz von West-Kalimantan auf Borneo. In der Küche nebenan, gegenüber der perfekt gefliesten und sauberen Gallerie, in die alle Räume münden, kann ich hören, wie unser Abendessen zubereitet wird, das es in ca. einer Stunde geben wird. Bald werden die Priester ihre Vesper-Gebete abhalten in der kleinen Kapelle am Ende der Gallerie. Einige Hunde bellen in der Ferne und übertönen manchmal die Frösche und Zikaden, die für den konstanten Urwald-Sound aus den Sümpfen um uns herum verantwortlich sind. Während ich hier im Dunkeln tippe – die Elektrizität ging gerade aus, und der Bildschirm meines Notebooks zieht immer mehr Insekten an – kann ich fühlen, wie meine Arme und Beine durch zahllose Moskitobisse punktiert werden. Willkommen im heißen Herzen Borneos!
 
Ich bin in Putussibau. Das ist der Name der Bezirkshauptstadt hier. Er besteht aus 2 Wörtern, „putus“ das bedeutet „wo es endet“ oder „aufhört“ und „sibau“. Es ist der Name des Flusses, der sich an diesem Punkt mit Indonesien’s längstem Fluss, dem Kapuas, vereinigt. Sibau ist der Name eines Regenwaldfruchtbaums, der einst recht häufig an diesem mächtigen Kapuas-Fluss vorkam. Wir sind ein paar Kilometer nördlich vom Äquator und ungefähr tausend Kilometer flussaufwärts von Pontianak, wo dieser endlos mäandernde Fluss den Ozean erreicht, und wir sind hier immer noch nur etwas über 100 Meter hoch gelegen. Aber hinter Putussibau fangen die letzten Refugien der Dajak-Stämme im Inneren Borneos an. Hier wird der Fluss schneller mit vielen Stromschnellen, und die Wasserhöhe steigt schnell in den kleineren Wasserarmen. In der Ferne, kurz nachdem wir anlanden, kann ich viele merkwürdig geformte Kalkbergformationen sehen. Das Zuhause von Millionen von Schwalben, die ihre Nester für die Chinesische Vogelnestsuppe produzieren. Zusammen mit dem traditionellen Rattan und dem geruchsintensiven Holz machen sie einen Großteil des Einkommens der lokalen Bevölkerung aus.
 
Ich war hier bereits wenige Jahre zuvor (im Jahr 2005) und habe mich mit den lokalen Dajak-Stämmen getroffen. Ein Treffen, das mir die Tränen in die Augen getrieben hatte. Zu dieser Zeit gab es hier keine Palmöl-Plantagen in dieser extrem abgelegenen Gegend mitten im Herzen Borneos. Wir kämpften gegen die Holz-Konzessionen und die vielen Umweltprobleme die dadurch verursacht wurden: Überflutungen, die es zuvor nie gegeben hatte, Flüsse, die verlandeten, Fische, die verschwanden, überall Erdrutsche, die Tiere des Waldes waren verschwunden, das Wasser war schlammig und nicht länger trinkbar und Krankheiten traten häufiger als jemals sonst auf. Im Grunde zerbröckelte das Leben der Dajak, wie sie es kannten, vor ihren Augen. Und was dem Ganzen die Krone aufsetzte war, dass sie überall auf Manipulationen, Lügen, und Bestechung, inklusive Drohungen durch diese Außenstehenden stießen. Nun kam der größte Palmölproduzent von Indonesien, Sinar Mas, der anfing das Land zu entwalden – schlechte Nachrichten für die Orang-Utans in dieser Gegend und mit größter Sicherheit auch für die lokale Bevölkerung… Gerade eben bemerkt ein Dajak-Führer, dessen Namen ich zu seiner eigenen Sicherheit nicht nenne, dass, als sie sich weigerten, ihre Holz-Konzessionen für ihr angestammtes Land an den derzeitigen Forstminister abzutreten, der Gouverneur so verärgert wurde, dass er ausrief: „Die Regierung kann Leben bringen, aber denkt daran, wir können auch den Tod bringen!“
 
Unglaublich! Diese Menschen haben Jahrtausende lang im Gleichgewicht mit ihrer Umwelt, ihrer eigenen Sprache und ihrer Kultur gelebt und nun kommen da ein paar Außenseiter daher, denn das sind sie, und zerstören ihr Leben. Die Analogie mit dem, was mit den Orang-Utans passiert, könnte für mich nicht deutlicher sein. Pastor John Suir von SMM (Serikat Maria Momfortan), einem katholischen Bekenntnis hier im Inneren von Borneo, spricht sehr lange mit mir. Wieder gehen mir die Geschichten zu Herzen, wie auch schon 2005, als ich zu so ziemlich den selben Leuten über die Umweltprobleme sprach, die sich auch jetzt hier in Putussibau versammelt haben, um 2 Tage mit mir und Yosep Lejo zu verbringen. Yosep ist ein Aktivist und Umweltschützer, der jetzt in Pontianak lebt und arbeitet für seine OEDAS Foundation. Yosep ist ein Mendalam Dajak, im Wald geboren in dem Stamm, der in der Nähe des Einzugsgebietes des Sibau Flusses lebt, wo diese Einheimischen versuchen, ihren Wald und ihre Art zu leben zu verteidigen.
 
Pater John lebt und arbeitet hier zusammen mit diesen Menschen. Er sorgt sich um die Umwelt, er sorgt sich um seine Leute. Er war hier, als alles begann und schließlich in den großen Demonstrationen gegen die Holz-Konzessionen gipfelte, die ihre Wasserschutzgebiete zerstören. Er erzählt uns, wie die Menschen versucht haben, ihm den Zutritt zu den Treffen mit dem lokalen Distriktvorstand zu verweigern, als er seine Leute begleitete. Die Kirche hat hier nichts verloren, wurde ihm gesagt. Er sagte, dass er nicht hier ist, um sich entweder auf die Seite der dort ansässigen Bevölkerung oder der Regierung zu schlagen, sondern auf die Seite der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Die Einheimischen respektieren Pater John, diesen jungen, einfachen Pater, und sie kennen die Risiken, die er eingeht. Wann immer er von einer seiner verschiedenen Kirchengemeinden zu einer anderen in der Abgeschiedenheit der Wildnis reisen muss, bringt ihn eine Gruppe zu einer Flussseite und die andere nimmt ihn auf der anderen Flussseite in Empfang, um ihn vor „unerwarteten“ Unfällen zu schützen. Vor 2 Jahren wurde Pater John nach Sintang versetzt. Als ich ihn fragte, ob es der Bischof vielleicht nicht mag, wenn er in die politischen Belange involviert ist, hat er es vehement verneint. Aber Basah und Victor, zwei der Dajak-Häuptlinge, die mit dem Pater und mir am Tisch sitzen, sagen, dass die Stämme davon überzeugt sind, dass die Kirche auf Druck der Regierung die Stämme isoliert hat und deswegen Pater John von seinen Leuten getrennt hat. 
 
Es ist nun fast Zeit zum Abendessen. Das Licht ist an und ich schwitze unglaublich. Ich muss ein paar Eimer voll Wasser über mich gießen, damit ich etwas frisch bin für’s Abendessen. Eine schnelle Rekapitulation des heutigen Tages. Wenn wir erst am Tisch sitzen, werden die Geschichten und vielleicht etwas mehr Palmwein meine ganze Zeit und Konzentration erfordern…
 
Um 3 Uhr morgens klopft das Sicherheitspersonal an die Tür im CICO Gelände in Bogor. Zumindest in dieser Nacht hatte ich 3 Stunden Schlaf. Gestern war es nur eine Stunde Schlaf und eine weitere halbe Stunde mitten im Verkehr zum BOS Board of Trustees Treffen im luxuriösen Le Meridien Hotel in Jakarta. Keine Zeit zu duschen, und ich will auch Richard und Simon nicht aufwecken, die mich morgen, einen Tag später, in Kalimantan treffen, da das kleine Flugzeug nur 3 bis 4 Passagiere aufnehmen kann. Dudung kommt an und sofort machen wir zwei uns auf zum Jakarta Flughafen. Erstaunlich wie überfüllt dieser Flughafen schon morgens um 5 Uhr ist!
 
Wir treffen uns mit Pram, einem meiner besten Mitarbeiter, auf dessen Schulter ein Orang-Utan eintätowiert ist. Er wird unsere Reise dokumentieren, wird mehr Leute ausbilden für die Undercover-Arbeit und wird selbst noch mehr Untersuchungen leiten. Etwas später kommt Hardi, der Gründer und Direktor von COP (Center for Orangutan Protection). Letzte Nacht nach dem BOS Treffen hatten wir noch ein anderes O-Team Treffen in Bogor und deshalb kam Hardi sehr spät zurück nach Jakarta. Wir haben gute Fortschritte erzielt: Ein wichtiges Treffen mit dem Generaldirektor für Naturschutz und Regenwaldschutz wird bald in West Kalimantan stattfinden. Aber das ist eine andere Geschichte... Wir checken ein, reihen uns ein in die unvermeidliche Schlange mit drängelnden Leuten und sitzen schließlich im Flugzeug. Während des 1 1/4-stündigen Fluges schlafe ich eine halbe Stunde. In Pontianak erwartet uns Pater Jacques Maessen. Aber es gibt ein Problem. Letzte Nacht habe ich eine SMS bekommen von Gerhard, dem deutschen Piloten der Mission, der die Cessna gehört. Sie haben demnächst eine Untersuchung und nicht genügend Flugstunden übrig für uns. Putussibau ist zweimal so weit weg wie Sintang… Das bedeutet eine Reise von 20 Stunden auf schlechten Straßen… Die Aussicht darauf, so viele Stunden zu verlieren, ist nicht gut. Aber wir gehen zum kleinen Hangar und wiegen uns und unser Gepäck. Großartig, ich habe 7 Kilogramm abgenommen! Dann müssen wir uns entscheiden. Wir haben nur 4 Stunden Flugzeit zur Verfügung. Zuerst nach Sintang und dann nach Putussibau – das war`s. Alle 4 Stunden verbraucht. Was aber ist mit Simon, Richard und seiner Frau Robin, die morgen ankommen?
 
Wir haben Glück! Wir haben einen Platz auf dem zweimal wöchentlichen Trigana Flug nach Putussibau! Ein Freund des Paters besorgt uns 5 Tickets und wir gehen zurück zum Terminal, um den Flug zu erwischen. Nun kann die Cessna morgen die zweite Gruppe fliegen und Dugung und Hardi müssen einen Weg finden, um morgen von Putussibau nach Sintang zu kommen. Und nach unserer Aktion können wir immer noch mit einer Gruppe von Sintang abgeholt werden. Und los geht’s mit dem kleinen Trigana Flugzeug. Durch die Lücken in der Wolkendecke sehen wir überall unter uns unzählige Ölpalmen, die sich in den Urwald fressen.
 
Putussibau Landestreifen. Dieser Flughafen hat einen Zaun! Wir werden von Pater Gun, einem einheimischen Dajak erwartet. Wir gehen in unsere Räume in dem katholischen Gebäude und bekommen etwas zu essen. Dann geht es los, um ein Auto zu mieten und unsere Tour zu starten. Gegenüber von dem Laden, in dem wir das Auto mieten, hängen viele Vogelkäfige direkt vor dem Telefonladen. Ein chinesischer Ladenbesitzer redet mit mir über sein Hobby, und langsam bringe ich die Unterhaltung auf die Orang-Utans. Nun, ein paar Wochen davor wurde ihm einer angeboten! Sogar 4 oder 5mal, da die Leute wissen, dass er Tiere mag. Aber seine Frau mag keine Orang-Utans wegen der Kinder. Deshalb hat er nur Vögel. Wieviel? Naja, das variiert von 200.000 bis 800.000 Rupien für ein Baby (22-88 US Dollar!). Ein Polizist, Sergeant Eko, kommt in den Laden. Netter Kerl, schon seit 10 Jahren hier. Orang-Utans? Nein, nie welche gesehen bei den Leuten hier. Bin nicht sicher, was ich jetzt von ihm halten soll. Das erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich. Jetzt fängt der chinesische Ladenbesitzer an, auch seine Geschichte zu ändern…
 
Wir steigen in unser Auto mit Allradantrieb, und Dugung steuert. Die Steuerung hat ziemlich viel Spielraum und der Drehradius des Daihatsus macht uns ziemliche Schwierigkeiten beim Kreisverkehr! Es hat nett ausgesehen, als wir es mieteten, aber jedes Schlagloch und die schlingernden Bewegungen machen es immer unattraktiver. Egal, wir schauen uns nach dem Naturschutz-Büro des Forstministeriums um. Nach einigen Versuchen finden wir ein baufälliges Haus mit einem Schild davor, das das gesuchte Haus sein könnte. Wir klopfen an die Tür und werden eingeladen, uns zu setzen und auf pak Roman Silaben zu warten, einem christlichen Dajak aus Sumatra.
 
Netter Mann. Er spricht offen. Er ist seit 8 Jahren hier. Sind Sie gerne hier? Möchten Sie lieber woanders hinziehen? Naja, leider kein Geld für einen Umzug, das Ministerium hat gekürzt. Drei Kinder, deren Schule, ich denke, ich werde noch eine lange Zeit hier bleiben… Orang-Utans? Nein. Es gibt nur noch 200 in der Wildnis rund um Putussibau nach den Daten vom WWF. Ah, die haben ein Büro hier? Ja, das große orangefarbene Gebäude die Straße runter. Sie erzählen den Leuten, dass man die Orang-Utans nicht jagen soll. Ein paar Wochen davor hat Ramon einen der seltenen Orang-Utans beschlagnahmt und zum IAR Ketapang Center gebracht. Die Mutter wurde gegessen. In seinen 8 Jahren hier hat er nur 8 Orang-Utans gefunden. Die ersten 3 wurden nach Nyaru Menteng gebracht, die anderen nach Ketapang, das Center, das ich ursprünglich selbst im Süden von West-Kalimantan mit aufgebaut hatte. Aber zu dieser Zeit war Mrs. Betty immer noch dort und die Gunung Palung Foundation.
 
Es gibt also doch Orang-Utans die gerettet werden müssen? Nein, nicht hier in der Stadt. Vielleicht in den äußeren Dörfern, wo die Leute Fallen stellen und manchmal einen Orang-Utan fangen. Aber im Grunde gibt es nur noch Orang-Utans rund um ein Dorf, in dem zu 90% Muslims wohnen, die kein Buschfleisch essen. Das Jagen ist ein Problem der lokalen Dajak. Die essen alles. Wir erzählen ihm vom Ladenbesitzer, dem ein Orang-Utan Baby angeboten wurde. Er ist ehrlich überrascht und stellt die richtigen Fragen. Hardi erzählt, dass er der Vize-Manager in Nyaru Menteng war, als Roman die Orang-Utans gebracht hat. Er erinnert sich jetzt. Und pak Willie ist der Kerl, der einige von diesen Gesetzen zum Schutz der Orang-Utans geschrieben hat! Er wird nun ein bisschen schüchtern, aber er ist ein guter Kerl, der in diesem Außenposten festhängt. Er will gerne kooperieren. Pater Jacques erzählt ihm vom neuen Kobus Center, und dass wir mit einem Tierarzt oder Assistenten aushelfen können, wenn nötig. Roman ist sehr glücklich. Der einzige Tierarzt in Putussibau ist einige Monate zuvor zurück nach Sumatra gegangen. Er kennt die Kobus Foundation in Sintang.
 
Wir gehen zum Stadtrand von Putussibau. Zu einem Dorf namens Suawe mit einem traditionellen Langhaus am Kapuas-Fluss, wo die Dajak-Gemeinschaft noch nach ihren angestammten Bräuchen lebt; jede Familie hat ihren eigenen Bereich. Ich frage nach Palmwein, was uns durch mehrere Räume führt und schließlich zu den Palmbäumen. Einige betrunkene Kids erzählen uns alles, während sie hunderte Bilder mit ihren Handys machen. Einige betrunkene Mädchen sitzen auf einer Holzbank unter einer Zuckerpalme am Fluss, trinken Palmwein und rauchen Zigaretten. Ein bisschen unorganisiert. Die Mädchen machen Pater Jacques an, bis wir ihnen erzählen, dass er ein gut aussehender 70 Jahre alter Pater ist! Dazwischen fragen wir nach den Orang-Utans. Dieselbe Information. Es gibt hier keine mehr. Alle wurden vor langer Zeit aufgegessen. Alle Tiere sind so ziemlich verschwunden. Mit Ausnahme von ein paar Langschwanz-Makaken, die sich sehr schnell vermehren.
 
Auf dem Weg zurück nach Deo Soli treffen wir einen traditionellen Jäger. Er zeigt uns seinen Mix aus Gewehr und Blasrohr. Wenn er lange Gummistreifen verwendet, kann er einen Affen aus 100 Metern Entfernung damit treffen! Er zeigt mir die Giftpfeile, die in den Saft des Antiaris toxicara Baums getaucht werden. Dieser Baum ist eine Feigenart, die hier wild wächst, und ist auch ein Anzeichen dafür, dass die Erde fruchtbar ist. Er hat Pfeile, mit denen man Affen, Schweine und sogar Menschen töten kann… Sein Name ist Sulang. Wir machen ein paar Bilder, und er ist einverstanden, Hardi mit auf eine Jagd zusammen mit anderen Jägern zu nehmen, damit Hardi sich ein Bild machen kann. Es wird nun dunkel, und wir müssen auf diesen schlechten Straßen zurück zum Center kommen, wo die ersten Stammeshäuptlinge ankommen werden. Und das ist jetzt! Ich schütte noch etwas Wasser über mich und treffe mich mit den anderen im Esszimmer. Morgen geht es weiter!