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Willie's Blog: Pak Apui

Willie's Blog: Pak Apui

Apui ist ein echter Dayak vom Seberuangstamm. Er weiß nicht genau wie alt er ist, da die meisten Dayak keine Geburtstage feiern. Sie feiern aber das Fest der Ernte welches sie “Gawai” nennen. Sie haben auch viele andere Feste, die mit dem Kreislauf des Lebens zu tun haben. Dazu gehören Hochzeiten und Beehrdigungen. Geburtstage haben anscheinend wenig damit zu tun. Das Leben geht meist von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Ich sah Apui und sein großes Lächeln zum ersten Mal vor vielen Jahren als ich Temback, das kleine Dorf tief im Dschungel Borneos, besuchte. Es war in einer improvisierten Bambushütte welche benutzt wurde, um Gäste des Dorfes zu empfangen. Apui tanzte den Kokosnusstanz und brachte jeden zum Lachen. Er übersah auch das Reisweintrinken von einer großen Porzellanschüssel aus der zwei Menschen mit Strohalmen aus Papayablatt-Stielen trinken müssen während er mehr Wein dazu schüttete. Kein Verschütten erlaubt! Das Lachen wurde mit jeder Sekunde lauter.
 
Zu der Zeit, vor mindestens fünf Jahren, hatte Apui noch keine grauen Haare während heute ein Großteil seiner Haare silbrig  ist. Sein Körper und sein Lächeln haben sich aber nicht verändert und er trägt noch den gleichen Hut mit einer Nashornvogelfeder und die gleiche Brille. Seine Zähne sind auch noch da, dank dem Kauen der Bethelnuss, welche er zu einer feinen Masse stampft, in ein Pfefferblatt mit etwas Kreide wickelt und dann kaut. Das Kauen dieser Nuss macht seine Zähne stark und auch rot. Mehrere ältere Dayaks, auch Apuis Mutter welche mit ihm lebt, kauen die Bethelnuss welche sie “Pinang” nennen. I probierte auch mal ein Stück, fand es weder genießbar noch spürte ich den Effekt der mir beschrieben wurde. Es soll den Kopf klären damit man das Leben besser verstehen kann. Es soll auch entspannen. In vielen anderen Orten auf der Welt pflanzen Menschen diese dünne Palme. Dies ist aber eine stärkere Sorte, von welcher sie dann die Nüsse kauen.
 
Wegen dem Alter seiner fünf Kinder, schätze ich Apui auf ungefähr 65 Jahre. Agung, sein jüngster Sohn heiratete erst vor kurzem mit 23. Seine Mutter ist die dritt älteste Person im Dorf. Apui ist ein echter Dayak, der den Wald kennt und liebt. Ich erinnere mich an den Tag als wir im Saran-Wald nebenan wanderten, bat er mich eine Nachricht aufzunehmen. Wir waren am Fuße eines speziellen Steinblocks, welcher mit Wurzeln von einen Riesenfeigenbaum überwachsen war. Dort saß er sich hin, bereitete seine Bethelnuss vor und schickte mit simplen Worten seine Nachricht an die Welt, welche ich mit meiner Kamera aufnahm. Für Aussenstehende mag es vielleicht nicht wie etwas Spezielles  klingen, aber ich sah die Tränen  in seinen Auges und dass Apui aus seinem Herzen sprach. “Der Wald ist unsere Heimat. Ich liebe den Wald. Er erlaubt mir zu leben. Wir müssen ihn retten.”
 
Apui hat immer noch das Können, um alleine im Wald zu leben. Dieses Wissen wurde über Jahrtausende von seinen Vorfahren durch ihre Erfahrungen gesammelt. Apui hat keine Identifikationspapiere, weiß aber die Namen von tausenden Familienmitgliedern im Stamm und sie kennen ihn. Er ist mit dem Wald und seinen Verwandten verbunden, nicht mit einem Stück Papier von einer weit entfernten Einrichtung die entscheidet, das er Indonesier ist. Er hat keine formale Bildung, ist aber einer der intelligentesten Menschen im Dorf. Er hat eine Sammlung von medizinischen Pflanzen hinter seinem Haus und kennt viele alte Rezepte, um Menschen von einer großen Anzahl von Krankheiten zu heilen. Er weiß wie man das Harz von Milben gewinnt, die manchmal die Zweige von einer speziellen Art von Baum infizieren. Das Harz ist sehr klebrig, wird aber zum stärksten Kleber den man sich vorstellen kann. Die Klingen der Macheten und Dayak Schwerter die er selber herstellt da er auch Schmied ist, lockern sich nie von ihren Holzgriffen, auch nach Jahren intensiver Nutzung. Er war auch der Initiator des mini Wasserkraftwerkes, welches das Dorf mit Elektrizität versorgt, und baute es auch. Das Wasserrad und viele andere Konstrukte wurden aus lokalem Holz von Apui hergestellt.
 
In seinen jungen Jahren legte Apui die größten Felder an, um Reis anzubauen. Er baute sein eigenes Haus und stellt sicher, dass das Reiserntefest statt findet. Er erhält die Traditionen seiner Vorfahren. Er war auch ein Jäger. Er ging oft für zwei bis drei Tage raus, um Schweine oder Rehe zu jagen. Er erzählte mir wie er in 1993 im Saran-Wald einmal einen Orang-Utan anschoss. Sie weinte als er sie traf und lag auf ihrem Ast während sie ihn ansah und ausblutete. Apuis Augen werden immer noch nass wenn er sich daran erinnert. Seitdem jagt er nicht mehr. 
 
Wenn Apui durch den Dschungel läuft, machen seine nackten Füße keinen Ton. Er schaut ständig hoch auf die Bäume und auf die Pflanzen um ihn. Bei jedem Schritt, den er nahezu mühelos macht, ist er in einem fast meditativen Zustand am Beobachten und Studieren. Wir reden nicht viel wenn wir gehen. Zum Teil weil ich mich sehr konzentrieren muss, um Dornen und rutschigen Steinen auszuweichen. Apui dagegen schwebt nahezu durch den Wald und pflückt Blätter, hebt Früchte auf und hört fernen Geräuschen zu. Apui ist immer mit dem Wald verbunden. Den Wald den er liebt. Wenn wir anhalten weil ich, oder jemand anderes in der Gruppe, müde ist, setzt er sich hin, um aus seinem kleinen, geflochtenen Rucksack etwas Bambus zu holen und seine Bethelnuss vorzubereiten. Dann hole ich auf und frage ihn über alles, das er beobachtet und aufsammelt hat. Ich machte zwar viele formelle Studien über tropische Dschungel und Feldarbeit in Indonesien die letzten 35 Jahre, jedoch gibt mir jede Wanderung mit Apui neues Wissen das noch nicht in wissenschaftlichen Büchern steht. Apui ist eine lebende Enzyklopädie. Zum Glück kann ich ihm Wissen von Gebräuchen von Waldpflanzen und Pilzen in anderen Teilen Indonesiens geben. Daher sind unsere Wanderungen gegenseitig erleuchtend.
 
Es geht aber nicht um das Wissen das ich von Apui brauche. Über alledem ist er mein Freund. Wir sind ein komisches Paar, der vielleicht 50 Kilogramm schwere Dayak und der doppelt so große Europäer. Aber wir haben auch Gemeinsamkeiten! Unsere Liebe für den Wald und die Wissenschaft dahinter, aber, noch mehr, unsere Gefühle für Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und unsere Angst für die Zukunft der Welt. Wir umarmen, lachen und weinen zusammen. Wir reden offen über unsere Ängste und Wünsche. Wir sind echte Freude fürs Leben. Wir sind Familie.
 
Willie Smits, September 1st, 2014

Hier sitzen Apui, seine Frau und seine Mutter in ihrer Küche im Dorf Tembak. Die spezielle Ritualkiste hat Apui selbst hergestellt. Seine Frau stellt den besten Reiswein des Dorfes her und seine Mutter, welche die Matte auf der sie sitzen hergestellt hat, bereitet die Bethelnuss vor. Sie macht gerne Witze und liebt es zu Tanzen!

 
 
 
 




Rechts ein Bild von Apui und seiner Frau in den speziellen, zeremoniellen Kleidern die Apuis Frau selber aus der Rinde von einem lokalen Baum herstellte. Pak Aqui trägt den Hut den er immer trägt, er hat aber auch einen mit der Feder eines Argus Fasans. Ihre Küchenhütte auf Stelzen ist kühl und gut ventiliert und wurde ausschließlich aus natürlichen Materialien hergestellt.
















[Aus dem Englischen von Tobi Ehrlich übersetzt]