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Schildkrötenrettungen, Stipendien und Vulkanausbrüche

 

Schildkrötenrettungen, Stipendien und Vulkanausbrüche


 
Liebe Freunde von Masarang,
 
An einem Sonntagmorgen Anfang Juli, ein seltener Moment in Nord-Sulawesi, Indonesien, wo mehr als 90% der Bevölkerung hier in den Bergen in die Kirche gehen. Ich hatte die letzten 4 Tage hohes Fieber und schlimme Kopfschmerzen, aber an diesem Morgen geht es ein bisschen leichter und ich versuche Euch nun ein kleines Update zu geben, was hier bei Masarang passiert.
 
Letzte Woche hat uns Dr. David Neidel zusammen mit Leuten vom ELTI Programm der Yale Universität besucht, die an einer Kooperation mit uns interessiert sind. Wir schauten uns verschiedene Masarang-Projekte zur Wiederaufforstung an und sahen hier zu, wie der Waldfeldbau seinen Anfang nahm. Sie waren an unseren Zuckerpalmen interessiert und dem Aufsetzen von Trainingsprogrammen für die Renaturierung von Kohleminen-Abbaugebieten in Indonesien.
 
Es kam auch eine Delegation von Freiwilligen von Morgan Stanley aus Hong Kong. Diese Gruppe schloss sich anderen Freiwilligen an, die den Lalumpe Schildkrötenstrand patrollieren und sie haben den unglaublich klaren Nachthimmel genossen, bevor um 1 Uhr nachts der Mond aufging. Es sind nur noch wenige, dermaßen  dunkle Strände übrig. Das einzige, kleine Dorf am Strand fährt seine wenigen, kleinen Generatoren nach 10 Uhr am Abend herunter. Der Strand, an dem fast das ganze Jahr über Ebbe und Flut gleich bleiben und der die perfekte Steigung hat, damit die Schildkröten an Land können, ist einzigartig, da so gut wie jede Nacht die Schildkröten ihre Eier gerade über der Flutlinie in den weißen Sand des 3 Meilen langen Strandes legen. Darüberhinaus gibt es wenige Plätze auf der Welt, an denen man 5 verschiedene Meeresschildkröten, die ihre Eier ablegen, findet! Gerade mal vor ein paar Wochen hat eine massige Lederrückenschildkröte, die geschätzte 700 Kilogramm wiegt, den Strand besucht!
 
Es war also eine wunderschöne Nacht; aber während des Spaziergang erzählte mir Melky, unser altgedienter Schildkrötenschützer, der jede Nacht, begleitet von seinem 11-jährigen Sohn und seinem Hund Molly, am Strand patrolliert, dass unglücklicherweise weitere 12 Schildkröten von Wilddieben hingeschlachtet wurden. Aber sie kommen nicht mehr länger zum Strand, um die Schildkröten zu töten und die frisch gelegten Eier zu stehlen, dank unserer Freiwilliger, die nun fast jede Nacht zusammen mit Melky und seinen zwei Mitarbeitern vom Dorf am Strand patrollieren. Einer der Freiwilligen erzählte mir: „Genau hier, wo wir jetzt stehen, hat dieser Wilddieb seine Machete hochgehoben und gedroht, uns zu töten!“ Glücklicherweise hatte in dieser Nacht auch eine bewaffnete Polizei-Einheit unsere Wache verstärkt und sie waren in der Lage, mit der Situation umzugehen.
 
Das war am Höhepunkt der Spannungen. Die Einheimischen vom nahegelegenen Dorf Tulap hatten begonnen, sich ein nettes Extra-Einkommen zu verschaffen, indem sie Schildkrötenfleisch und Schildkröteneier auf verschiedenen Märkten verkauften und offensichtlich die Veränderungen nicht mochten. Wir haben oft verdächtige Fahrzeuge beobachtet, die auf der Straße neben dem Lalumpe-Strand fuhren. Die Fahrer schauten nicht glücklich drein… Aber man kann diese illegalen Operationen nur schwer auffliegen lassen… Wir brauchen harte Fakten, wie zum Beispiel Schildkröten, die auf dem Rücken auf den Fahrzeugen liegen. Und wenn wir Spuren von Schildkröten finden, die durch den Sand geschleift wurden bis zu einem nahegelegenen Haus, braucht man einen Durchsuchungsbefehl, um sich drinnen umzusehen. Und man benötigt einen Beamten für die offiziellen Beschlagnahmungen – und die sind nur schwer zu bekommen, nach Mitternacht… Wir haben also den Dorfoberen, Herrn Jakobi, kontaktiert, und er hat völlig verstanden, dass die Schildkröten geschützt sind und dass das, was die Wilddiebe taten, dem Dorf nichts Gutes bringt und dass die Schildkröten den Dorfbewohnern sogar mehr Wohlstand bringen, wen sie sie schützen. Er hat also eine strikte Anordnung für alle Dorfbewohner und alle Kirchendiener erlassen, dass die Schildkröten nicht getötet werden dürfen. Indem man einen von ihnen direkt in der Kirche an den Pranger stellte, brachte den Durchbruch!
 
Nun sind die Schildkröten also, wenn sie den Strand erreichen, sicher und wir sind in der Lage, die Eier in unsere Brutstation vor Melkys Haus umzusiedeln. Wir lassen nun jede Nacht durchschnittlich etwa 300 neu geschlüpfte Schildkröten frei! Aber Melky hat uns an die Schildkröten erinnert, die gefangen werden, noch bevor sie unseren Strand erreichen. Die werden dann weit außerhalb unseres Strandes angelandet und auch außerhalb unseres Einflussbereiches, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Wie Melky meinte, ist die einzige Möglichkeit, sie davon abzuhalten, die Schildkröten im offenen Wasser zu fangen, dass die Wilddiebe mit einem Boot gejagt werden, auf dem ein großer Scheinwerfer montiert ist. Ich war so wütend, dass wir geradewegs entschieden, ein kleines Boot zu kaufen, um Patrollien zu fahren.  Eine verschlafene Lady, die gerade kurz vor Mitternacht aufgeweckt wurde, hat ihr Boot zum Kauf angeboten. Der Motor war kaputt, und sie hatten kein Geld, um ihn zu ersetzen, aber die Bootshülle war noch völlig in Ordnung. Nach ein paar Verhandlungen also, konnte ich 4,9 Millionen Rupiah bar um Mitternacht bezahlen und alles was wir noch tun mussten war, einen neuen Außenbord-Motor zu kaufen, damit wir den Strand auch von der Seeseite her patrollieren konnten, solange bis die Wilddiebe ihren illegalen Handel aufgeben werden. Ihr seht das Boot im Bild am Anfang dieses Blogs.
 
Gestern Abend kam der Bürgermeister von Bitung, einer Hafenstadt, nach Tasikoki zusammen mit dem Armeeoberst, der Planungsagentur, dem Fischerei-Vorstehenden, dem Zivilvorsteher und einer Menge an anderen Leuten, die sich Simon, Denny und mir nicht vorstellten. „Schildkröten? Ich liebe sie!” sagte der Bürgermeister. “Sie schmecken gut und ich liebe auch ihre Eier!” Das war nicht genau die Antwort, die ich gehofft hatte zu erhalten… Dann nahmen wir uns die Zeit, um zu erklären, dass seine Stadt und sein Hafen die wichtigste Schmuggelroute für indonesische Wildtiere zu den Philippinen und noch weiter weg ist. Schritt für Schritt wurde ihm klar, dass wir genau das meinten, was wir sagten. Er kam hierher mit seiner eigenen Agenda, er wollte, dass ein Teil des Strandes freigegeben wird als Erholungszentrum. Er will uns die Erlaubnis geben, dass wir Eintrittskarten verkaufen und damit unsere Station unterstützen. Er wird sicherstellen, dass sie nur einen kleinen Teil unseres Strandes benutzen und dass der Rest vollkommen geschützt sein wird für unseren Wiederaufbau des Korallenriffes, unsere Schildkröten und als Brutstätte für alle Arten von Fisch.
 
Während wir uns darüber unterhalten, wie wir zusammen arbeiten, und wie er uns neben anderem dabei helfen kann, Außenbord-Motoren für unser großes Schnellboot zu bekommen, das seit Jahren nun am Strand liegt, da wir nicht genügend Spenden bekommen, um es zu reparieren und funktionstüchtig zu bekommen, solange wir es der Armee leihen würden, die die Schmuggler jagt und den Beamten, die manchmal zum Fischen gehen…, er bemerkte ungalant, dass der Polizeichef auf Papua auch zwei Orang-Utans hinter seinem Haus habe! Und da gibt es noch mehr Orang-Utans bei Armee-Offizieren! !! Unglaublich. Egal, dank unserer neuen Zusammenarbeit wird er nun ein Treffen auf hohem Niveau mit dem ganzen Sicherheitspersonal für Land/Luft/Wasser arrangieren, um uns bei der Strafverfolgung zu unterstützen. Sobald wir die Finanzierung zusammen haben,  werden wir ein paar Teams nach Papua schicken, um die Orang-Utans in Not dort abzuholen. Der Bürgermeister sagte, dass er uns auch seinen Palmen-Kakadu geben wird und andere Beamte in seiner Stadt bitten wird, dasselbe mit ihren Wildtieren zu tun, aber alles als Teil des Deals! So, alles in allem, ein wunderschöner Abend mit guten Ergebnissen für die Natur. Simon und Danny, die Manager von Tasikoki, sind hoch erfreut.

In dieser letzten Woche haben wir auch Stipendien an 46 Studenten vergeben. Während der Zeremonie mussten sie sich einige Vorlesungen über Wiederaufforstung und Naturschutz anhören, aber die meiste Zeit hörten sie mit voller Aufmerksamkeit zu. Viele glückliche Gesichter dieser jungen Menschen, die ohne die Stipendien von Masarang, ihre Ausbildung abbrechen hätten müssen.
 
Letzten Freitag gab es eine Trainings-Vorlesung im Masarang Meetingraum, mit etwa 50 Studenten meiner ITM Universität. Dies sind Studenten, die von den östlichen Inseln Indonesiens stammen, der ärmsten Region unserer Republik. Aber dies sind auch die Inseln, auf denen viele Zuckerpalmen wachsen. Sie kommen von Papua, den Molukken, Ambon, Ternate, Tobelo und Regionen in Zentral-Sulawesi und anderen, weniger bekannten Inseln. Meine Universität ist die günstigste Privatuniversität in ganz Indonesien und Tomohon ist ebenso ein günstiger Platz zum Leben, womit Studenten aus diesen abgelegenen Gemeinschaften eine der wenigen Möglichkeiten haben, ein Universitäts-Studium zu beginnen. Jetzt, unter dem Pilotprojekt für die Dorf-Fabriken (Village Hubs), können die Studenten nach Hause fahren auf Kosten von Masarang, solange sie viele Daten sammeln über die Zuckerpalmen in ihren Dörfern. Dazu müssen sie lernen, wie man mit GPS umgeht, den Refraktometern, den Kameras, wie man [das Ganze] in Karten einträgt und aufzeichnet, wie man die Fragebögen anwendet, etc.
 
Gerade in dem Moment, in dem ich dies hier schreibe, beginnt der Soputan Vulkan mit einer Eruption. Dicke Aschewolken regnen um mich herum herab. Bekam gerade eine SMS von Simon, dass die Asche auch Tasikoki erreicht hat, das etwa 50 Kilometer vom Krater entfernt liegt! Die Asche wird die Reisfelder und Wälder hier fruchtbar machen und der erste Regen wird die Pflanzenblätter wieder reinwaschen. Die Fahrzeuge müssen schnell gewaschen werden, um Schäden am Lack zu verhindern. Aber die Menschen haben keine Eile! Der Sonntagsgottesdienst geht weiter wie üblich. (In der Zwischenzeit ist auch der Berg Lokon heftig ausgebrochen, aber er hat keinen größeren Schaden angerichtet bei den Menschen und unseren Projekten).
 
Meine Gäste kommen zum Haus. Jean Kern von Orangutan Outreach Europe und Arjen, ein Freiwilliger, der mir bei dem Design des Öko-Dorfes für das Sintang-Lestari-Projekt  im Rahmen des DeforestACTION Programms assistieren wird. Rolando, ein Finanzexperte, ist hier, um an einem Geschäftsplan für die Zuckerpalmen zu arbeiten. Keine Zeit, um krank zu sein! Danke für all eure Unterstützung und ich werde versuchen euch zwischendurch über alles was passiert auf dem Laufenden zu halten.
 
Mit tropischen Grüßen,

Willie
Tomohon,
Indonesia
 
Englisches Original: www.masarang.nl